Herzgesundheit: Höheres Risiko nach der Menopause
Herzerkrankungen sind die häufigste Todesursache bei Frauen: Allein in Deutschland starben 2022 rund 190.700 Frauen daran. Trotzdem denken viele beim Herzinfarkt zuerst an Männer, und das reichte lange bis in die Diagnostik hinein. Ende August 2026 haben die großen Kardiologie-Gesellschaften Europas und der USA deshalb die Definition des Herzinfarkts überarbeitet, mit gleich mehreren Neuerungen, die Frauen direkt betreffen.
Bei Männern treten Herzerkrankungen früher auf, doch im Verlauf der Wechseljahre holen Frauen auf. Besonders in den Jahren nach der Menopause steigt das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall.
„Wenn Männer und Frauen altern, haben sie ein höheres Risiko für einen Herzinfarkt. Aber Frauen, die die Menopause durchlaufen haben, sind unabhängig von ihrem Alter einem erhöhten Risiko ausgesetzt.“ Dr. DeLisa Fairweather, Mayo Clinic
Während und nach der Menopause lohnt sich also ein genauerer Blick aufs Herz. Aber warum ist das so?
Dein Herz nach der Menopause: Was sich verändert
Das Hormon Östrogen wirkt entzündungshemmend und schützt deine Arterienwände. Es hilft den Gefäßen, flexibel zu bleiben, das Blut fließt reibungslos, und Plaques lagern sich in den Herzkranzgefäßen schwerer ab. Frauen vor den Wechseljahren haben deshalb meist ein geringeres Herzinfarktrisiko als Männer. Dieser natürliche „Frauen-Vorteil“ schwindet im Laufe der Wechseljahre.
In den Jahren nach der Menopause, also ab etwa einem Jahr nach deiner letzten Blutung, zeigt sich das zum Beispiel beim Blutdruck: Laut Deutscher Herzstiftung verdoppelt sich das Risiko für Bluthochdruck, sobald Frauen in die Wechseljahre kommen, weil der Östrogenspiegel sinkt. Mal ehrlich: Das merkt man nicht, denn hoher Blutdruck tut nicht weh. Umso wichtiger ist es, die Werte im Blick zu behalten.
„Nach den Wechseljahren lässt der Hormonschutz jedoch nach: Das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, steigt dann bei Frauen rascher an als bei Männern.“ Prof. Dr. Christiane Tiefenbacher, Deutsche Herzstiftung
Studien haben gezeigt, dass im Verlauf der Wechseljahre, parallel zum absinkenden Östrogen, auch Risikofaktoren wie Blutdruck, LDL-Cholesterin und Triglyceride ansteigen, was Frauen in und nach den Wechseljahren anfälliger macht.
„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Menopause, zusätzlich zu den Lipidveränderungen, über die Beeinflussung der Aminosäurekonzentrationen zum zukünftigen metabolischen und kardiovaskulären Risiko beitragen kann.“ A metabolic view on menopause and ageing, Nature Communications, 2014
Neue Herzinfarkt-Definition für Frauen
Die European Society of Cardiology, das American College of Cardiology, die American Heart Association und die World Heart Federation haben gemeinsam die Fünfte Universelle Definition des Herzinfarkts veröffentlicht.
Die alten, kaum verständlichen Bezeichnungen wie Typ 1, Typ 2 oder Typ 4c sind durch drei klare Kategorien ersetzt: Beim primären Herzinfarkt liegt die Ursache in der Herzkranzarterie selbst, etwa durch einen Verschluss oder einen Riss. Beim sekundären hat ein anderes akutes Problem, etwa ein Blutdruckeinbruch oder sehr schneller Puls, das Herz mit zu wenig Sauerstoff versorgt. Eingriffsbedingt heißt: Die Komplikation tritt innerhalb von 30 Tagen nach einem Stent, einer Bypass-OP oder einem anderen Herzeingriff auf.
Das klingt nach Fachsprache, betrifft aber Frauen in und nach den Wechseljahren ganz konkret. Drei Neuerungen sind für dich besonders wichtig.
Troponin: Eigene Grenzwerte für Frauen
Troponin ist ein Eiweiß, das ins Blut gelangt, wenn Herzmuskelzellen geschädigt werden, und gilt als wichtigster Bluttest bei Verdacht auf Herzinfarkt. Frauen haben von Natur aus niedrigere Troponinwerte als Männer. Trotzdem wurde in vielen Kliniken lange ein einheitlicher Grenzwert für alle verwendet, der für Frauen zu hoch lag.
Die neue Definition setzt auf geschlechtsspezifische Grenzwerte, damit Herzschäden bei Frauen nicht systematisch übersehen werden. Konkret bedeutet das: Ein Wert, der bei einem Mann noch unauffällig wäre, kann bei dir schon ein Warnsignal sein. Wie schnell das in den Kliniken ankommt, hängt davon ab, wie konsequent sie die Empfehlung umsetzen.
SCAD: Der Riss in der Herzkranzarterie
SCAD steht für spontane Koronararterien-Dissektion, einen Riss in der Wand einer Herzkranzarterie. Er betrifft überwiegend Frauen, häufig unter 50, und wurde lange zu selten erkannt. Im alten System stand SCAD in einer unklaren Ecke. Jetzt ist sie ausdrücklich als eigener Mechanismus des primären Herzinfarkts aufgeführt, gleichrangig mit dem Aufbrechen einer Plaque.
MINOCA: Wenn keine Verengung sichtbar ist
Bei manchen Frauen zeigen die Untersuchungen einen Schaden am Herzen, aber keine größere Verengung der Herzkranzarterien. Dafür gibt es die Abkürzung MINOCA, die bisher für „Herzinfarkt bei nicht verengten Herzkranzarterien“ stand. Jetzt heißt sie „Myokardschädigung bei nicht verengten Herzkranzarterien“, und dahinter steckt eine bewusste Herabstufung: Es ist eine Arbeitsdiagnose, kein Endergebnis, und das Signal lautet: Weitersuchen. Oft steckt eine Herzmuskelentzündung (Myokarditis) dahinter oder ein Takotsubo-Syndrom, das sogenannte Broken-Heart-Syndrom, bei dem der Herzmuskel durch plötzlichen körperlichen oder seelischen Stress vorübergehend schwächer wird.
Die Leitlinien empfehlen deshalb ein Herz-MRT, am besten innerhalb von zwei Wochen, denn danach können sich die Veränderungen bei Myokarditis und Takotsubo zurückbilden. Wird ein MRT gemacht, ist ein Herzinfarkt in etwa einem von vier Fällen (22 bis 27 Prozent) tatsächlich die Antwort. Die gute Nachricht: Wer dranbleibt, findet die Ursache und bekommt die passende Behandlung. Heißt es bei dir also einmal „Herzkranzgefäße unauffällig“, obwohl die Beschwerden bleiben, frag ruhig nach, ob ein Herz-MRT sinnvoll ist.
Das Risiko im Blick
Nach der Menopause lohnt es sich, alle Risikofaktoren für die Herzgesundheit im Blick zu haben. Dazu zählen Blutdruck, Cholesterinspiegel – hier primär das Verhältnis von HDL („gutem“ Cholesterin) zu LDL („schlechtem“ Cholesterin) und die Triglyceride –, Gewicht, Körperfettanteil und Bauchumfang.
Gewicht, BMI & Bauchumfang
Das kann man alles selbst gut messen. Gewicht und BMI (Body Mass Index) allein sind nicht voll aussagekräftig, da sie die Muskelmasse nicht berücksichtigen. Relevanter sind daher der Körperfettanteil mit einem Normalbereich von circa 23 % – 36 % (eigene Körperfettwaage, BIA-Messung beim Arzt oder im Fitness-Studio) und der Quotient aus Taillen- und Hüftumfang, der Aufschluss über das gefährliche Bauchfett gibt.
- Taillen-Umfang: zb 70 cm
- Hüft-Umfang: zb 100 cm
- Taille-Hüft-Verhältnis: 70/100 = 0,7
> Normalgewicht: <0,8 | Übergewicht: 0,8 – 0,84 | Adipositas: >0,84
Blutdruck & Blutfette
Den Blutdruck kannst du selbst messen, wenn du ein Blutdruckmessgerät besitzt, sonst beim Arzt bestimmen lassen. Beim Arzt werden auch regelmäßig deine Blutfettwerte mittels Bluttest bestimmt. Dazu zählen:
- Cholesterin gesamt: ideale Werte < 200 mg/dl
- LDL-Cholesterin: Zielwert je nach Herz-Kreislauf-Risiko, bei niedrigem Risiko unter 116 mg/dl, bei moderatem unter 100, bei hohem unter 70 und bei sehr hohem unter 55 mg/dl. Welche Stufe für dich gilt, klärt deine Ärztin anhand deines Gesamtrisikos.
- • HDL‑Cholesterin: normal >45, besser > 65 mg/dl
- Quotient LDL / HDL: <3 = Zielwert | 3–5 = steigendes Risiko | >5 = hohes Risiko
- • Triglyceride: < 200 mg/dl, besser <149 mg/dl
Auch die Blutzuckerwerte werden untersucht und kontrolliert, darunter die Werte für Glukose und HbA1C (Hämoglobin). Mehr Informationen über die besten Vorsorgeuntersuchungen in unserer Checkliste Frauen Check-Up.
Gesunder Lebensstil fürs Herz
Ein paar Gewohnheiten reichen, damit du dein Herz gut schützt, und sie müssen nicht perfekt sein.
- Pflanzenfokussiert essen: Orientierung bietet die mediterrane Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkorn, Nüssen und Olivenöl. Bei Frauen in Perimenopause und Menopause senkte sie in einer Studie Cholesterin und Triglyceride, wenn sie recht konsequent eingehalten wurde.
- Gute Fette wählen: Omega-3-Fettsäuren wie EPA und DHA tun dem Herz-Kreislauf-System gut, ebenso gesunde Fette aus Nüssen, Avocado und Olivenöl.
- Regelmäßig bewegen: Die American Heart Association empfiehlt mindestens 150 Minuten Bewegung pro Woche, zum Beispiel 30 Minuten an fünf Tagen. Am besten mischst du Ausdauer (zügig gehen, Radfahren, Schwimmen) und Krafttraining, so rät es auch Johns Hopkins Medicine.
- Nicht rauchen: Es ist einer der klarsten Hebel für dein Herz.
- Stress ausgleichen, Menschen pflegen: Sprich aus, was dich belastet, und kümmere dich um deine Freundschaften. Auch Depressionen und Angstzustände hängen mit den Wechseljahren und mit Herzerkrankungen zusammen, deshalb gehört die Seele mit auf die Liste.
- Den Darm füttern: Eine ballaststoffreiche Ernährung tut auch deinem Darm gut, und die Darmflora beeinflusst die Entstehung von Arteriosklerose.
Früh erkannt – rettet Leben!
Ein Herzinfarkt kündigt sich bei Frauen oft anders an als erwartet. Brustschmerz ist auch bei Frauen das häufigste Symptom, doch es kommen häufiger weitere Beschwerden dazu, die nicht sofort mit dem Herzen verbunden werden, etwa Schmerzen zwischen den Schulterblättern, Übelkeit oder Atemnot.
Viele denken zuerst an eine Magenverstimmung, und Frauen zögern laut Deutscher Herzstiftung häufiger als Männer, den Notruf zu wählen. Kein Wunder: Mit Wechseljahresbeschwerden, Stress und wenig Schlaf ist Müdigkeit ohnehin ein Dauergast, da rutscht ein Warnzeichen leicht durchs Raster. Umso hilfreicher ist es, die Liste zu kennen.
Klassische Symptome
- Brustschmerz: Druck, Enge oder Zusammenschnüren, als säße jemand auf deiner Brust
- Ausstrahlende Schmerzen: in Schultern, Kiefer, Hals, Armen oder Rücken, auch zwischen den Schulterblättern
- Kalter Schweiß: Du schwitzt ohne erkennbaren Grund. Anders als bei einer Hitzewallung fühlt es sich kalt an
Weniger bekannte Symptome
- Atemnot: Du bist bei Alltagsdingen wie Treppensteigen oder Einkaufstaschen tragen ungewöhnlich außer Atem
- Plötzliche Schwäche: Du fühlst dich ohne Grund kraftlos oder zittrig
- Übelkeit oder Erbrechen: auch Druck oder Schmerzen im Oberbauch, oft mit einer Magenverstimmung verwechselt
- Schwindel: Dir wird ohne erkennbaren Anlass schwindelig oder benommen
- Ungewöhnliche Erschöpfung: Schon kleine Aufgaben wie Bettenmachen laugen dich völlig aus
Wenn du eines oder mehrere dieser Zeichen an dir bemerkst, wähle sofort die 112. Warte nicht ab, ob es von allein vergeht, und fahr nicht selbst ins Krankenhaus: Der Rettungsdienst kann schon unterwegs mit der Behandlung beginnen. Sag am Telefon gleich, dass du einen Herzinfarkt vermutest. Auch wenn du sportlich bist: Fitness schützt, macht dich aber nicht immun.
Die Checkliste zum Ausdrucken und Weitergeben: Als PDF herunterladen
Fazit: Das Herz verdient ab den Wechseljahren Aufmerksamkeit
In der Lebensmitte verändert sich vieles gleichzeitig, und das Herz steht dabei selten ganz oben auf der Liste. Die neue Herzinfarkt-Definition zeigt, dass die Medizin Frauenherzen genauer ansieht, mit eigenen Grenzwerten und einem klareren Blick auf Ursachen, die bei Frauen häufiger sind. Das Schöne ist: Dein Teil bleibt überschaubar. Du kennst deine Werte, bleibst in Bewegung und nimmst Warnzeichen ernst, und das schützt dein Herz ein Leben lang. Bei Beschwerden oder Vorerkrankungen bitte ärztlich abklären.
Zum Weiterlesen, wie du dein Herz im Alltag stärken kannst:
- Cholesterin senken in den Wechseljahren: Warum die Werte steigen und was wirklich hilft
- Krafttraining für Frauen: Tipps und ein kostenloses Trainingsvideo
- Stress abbauen: die 8 besten Tipps
- Warum Schlaf ab den Wechseljahren besonders wichtig ist
- Herzrasen und Herzstolpern in den Wechseljahren: Wann es harmlos ist und wann du es abklären lassen solltest
Wir legen dir noch dieses tolle Video von Dr. C. Noel Bairey Merz zur Wichtigkeit der weiblichen Herzgesundheit wärmstens ans Herz – Englisch, aber mit deutschen Untertiteln:
Studien & Quellen
Deutsche Herzstiftung (2024). Wechseljahre: Diese Risiken fürs Herz sollten Frauen kennen. Pressemitteilung
Women, estrogen and heart disease. Mayo Clinic, 2020.
Menopause and the Cardiovascular System. John Hopkins Medicine.
Herzinfarkt bei Frauen: Diese Symptome sollten Sie kennen! Deutsche Herzstiftung.
Ko, S. & Kim, H. (2020). Menopause-Associated Lipid Metabolic Disorders and Foods Beneficial for Postmenopausal Women. Nutrients, 12(1), 202. doi:10.3390/nu12010202
Shen, X., Li, L., Sun, Z., et al. (2021). Gut Microbiota and Atherosclerosis—Focusing on the Plaque Stability. Frontiers in Cardiovascular Medicine, 8. doi:10.3389/fcvm.2021.668532
Joint ESC/ACC/AHA/WHF Task Force for the Universal Definition of Myocardial Infarction (2026). Fifth Universal Definition of Myocardial Infarction (2026). European Heart Journal. doi:10.1093/eurheartj/ehag101 (parallel in Circulation, doi:10.1161/CIR.0000000000001477, und JACC, doi:10.1016/j.jacc.2026.07.025)
Mach, F. et al. (2020). 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias. European Heart Journal, 41(1), 111–188. doi:10.1093/eurheartj/ehz455
Ciubotaru, I., Lee, Y. & Wander, R. C. (2003).
Dietary fish oil decreases C-reactive protein, interleukin-6, and triacylglycerol to HDL-cholesterol ratio in postmenopausal women on HRT. The Journal Of Nutritional Biochemistry, 14(9), 513–521. doi:10.1016/s0955-2863(03)00101-3
Jacob, J., Peter, S. & Chopra, S. (2013). A fish a day, keeps the cardiologist away! - A review of the effect of omega-3 fatty acids in the cardiovascular system. Indian Journal Of Endocrinology And Metabolism, 17(3), 422. doi:10.4103/2230-8210.111630v